
Ordnung kann auf zweierlei Art und Weise entstehen: Wie in den klassischen Enzyklopädien nach dem Modell eines Kreisweges, also indem Informationen oder Objekte durch eine endliche, begrenzte Form zusammengefasst werden. Oder durch Listen, Aufzählungen und Kataloge, die eine unendliche, nicht endende Form der Darstellung sind. Der Begriff der Sammlung versucht, beide Perspektiven – die geschlossene und die offene Form – zu kombinieren: Die Bibliothek sammelt gemäß ihrem Auftrag und ihren Schwerpunkten Informationen, erwirbt Literatur nach dem additiven Prinzip der Mehrung. Gleichzeitig beschreibt und vernetzt sie die gesammelten Objekte, ordnet sie durch Erschließung in Kontexte ein. Konkret: Die Literatur wird bestimmten Themenklassen zugeordnet (wie im Freihandbereich) und mit Schlagwörtern versehen, die man im Katalog recherchieren kann.
Historisch gesehen sind Sammlungen oft in Zeiten von Krise und Krieg entstanden, um die kulturelle Überlieferung zu sichern. Heutzutage geht es vor allem um die Verschränkung analoger und digitaler Sammlungen, die Kombination von physischer Überlieferung und Datennetzen.
Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek verfügt über Sammlungen vom 2. bis zum 21. Jahrhundert, die laufend ergänzt, erschlossen und mit aktueller Forschungsliteratur zugänglich gemacht werden.
Neben Schwerpunkten in Bereichen der historischen Drucke der Reformation, der Weimarer Klassik und der Weimarer Moderne um 1900 bilden Inkunabeln, mittelalterliche Handschriften, Musikalien, Stammbücher, Landkarten und Globen sowie eine Militärbibliothek Sammlungskerne. Darüber hinaus sind Bibliotheken wie die von Angehörigen des herzoglichen Hauses, der Familie von Arnim, von Liszt und Nietzsche in die Sammlungen des Hauses eingegangen. Ebenso stehen thematische Sammlungen wie die zu Faust, die Bibliotheken der Deutschen Shakespeare- und Dante-Gesellschaft oder zum Thema Buchenwald für Besucher und Forscher zur Verfügung.
Handschriftensammlung – Von Papyrus bis Papier
Keine Sammlung der Bibliothek umfasst eine so weite Zeitspanne wie die Handschriftensammlung: Vom 2. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichen die rund 2.000 handschriftlichen Texte, die auf Papyri und Wachstafeln, Pergament und Papier überliefert sind. Das älteste Dokument der Weimarer Sammlung ist das zweiteilige Papyrus-Fragment eines Vertrags in griechischer Schrift aus dem Jahr 164. Vereinbart wurde die Verpachtung von Land.

Provenienz: Wilhelm Fröhner, erworben 1927. Signatur: Fol 533.1.
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Im Jahr 1997 entdeckte man auf dem Dachboden der Bibliothek 29 alte Handschriften. Darunter fand sich auch ein fast vollständig erhaltenes Exemplar eines Romans in griechischer Sprache über Alexander den Großen aus dem 16. Jahrhundert.

Provenienz: Wilhelm Fröhner, erworben 1927. Signatur: Q 732.
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Den wertvollsten Teil der Sammlung machen 202 Buchhandschriften und 117 Fragmente aus dem 8. bis 16. Jahrhundert aus, die das lateinische Mittelalter überliefern. Fast die Hälfte wurde aus Erfurter Klosterbibliotheken erworben. Die Weimarer Bibliothek profitierte damit von der Auflösung der Klöster in Folge der Säkularisation ab 1803.
Aus dem Benediktinerinnenkloster St. Cyriacus/ St. Andreas in Erfurt stammt auch diese handschriftliche Ergänzung des „Missale Benedictinum Bursfeldense“ (1498), die Nonnen bei der Ablegung des Klostergelübdes zeigt.

Provenienz: Benediktinerinnenkloster St. Cyriacus / St. Andreas Erfurt, seit ca. 1810 im Bestand. Signatur: Inc 152.
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Freundschaftsbücher – „auf dass Du ewig denkst an mich“
Ergänzt wird die Handschriftensammlung durch die weltweit größte, ungefähr 6.000 Exemplare umfassende Sammlung von Freundschaftsbüchern, auch Stamm- oder Erinnerungsbücher genannt. Freunde, Mitschüler, Lehrer, Verwandte oder Bekannte konnten sich hier eintragen – mit Widmungen, Lebensweisheiten oder Verhaltensaufforderungen und individuell gestalten mit Aquarellen, Klebebildchen oder sogar eingeklebten Haarlocken.
Die ersten Stammbücher wurden um das Jahr 1550 ausgetauscht. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen Poesiealben in Mode. Mit Social-Media-Kanälen hat das Freundschaftsbuch seine moderne Ausdrucksform gefunden.
Emilie heißt die Besitzerin dieser Sammlung aus dem frühen 19. Jahrhundert, für die sie eine Kassette in Buchform gewählt hat. Ihre Freundinnen haben die Blätter für sie mit Seidenstickereien, einem Scherenschnitt, sogar einem ‚Tränenden Herz‘ verziert.

Provenienz: Antiquariat Winfried Scholl, erworben 2009. Signatur: Stb 1023.
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Frühe Drucke – Von Gutenberg bis zur industriellen Revolution
Um die Mitte des 15. Jahrhunderts wurde das Buch neu erfunden. Der von Johannes Gutenberg entwickelte Druck mit beweglichen Lettern löste eine Medienrevolution aus. Was bislang von Hand geschrieben und vervielfältigt werden musste, konnte nun sehr viel schneller produziert und verbreitet werden.
Das Verfahren wurde jahrhundertelang angewandt und erst um 1850 von neuen Technologien der industriellen Buchproduktion abgelöst. Von diesen „Frühen Drucken“ befinden sich rund 300.000 Exemplare aus allen einschlägigen Fachgebieten in der Weimarer Sammlung.
Knapp 30 Jahre nach der Erfindung des Buchdruckes, im Jahr 1488, veröffentlichte der Nürnberger Wanderdrucker Marx Ayrer einen Druck der populären Prosaerzählung „Die geschicht dracole waide“. Die Schauergeschichte inszeniert den walachischen Woiwoden Vlad III. Drăculea als grausamen Tyrannen. Verbreitet wurde sie von seinen politischen Gegnern. Derartige Flugschriften dienten der politischen Meinungsbildung und der Unterhaltung, wurden jedoch nur selten überliefert.
Übrigens: Mit dem Vampirmythos wurde die Figur des Fürsten erst im Roman „Dracula“ (1897) des irischen Schriftstellers Bram Stoker verknüpft.

Provenienz: vermutlich aus der Bibliothek von Hieronymus Wilhelm Ebner von Eschenbach, erworben 1813. Signatur: Inc 609 [a].
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Diese bekannte Stadtansicht von Erfurt, die gegenwärtig ein beliebtes Postkartenmotiv bei Touristen ist, stammt aus der berühmten illustrierten Weltchronik von Hartmann Schedel: „buch der Croniken vnnd geschichten“ (1496). Sie gehört zu den bedeutendsten Inkunabeln, auch Wiegendrucke genannt. Damit werden Bücher bezeichnet, die nach der Erfindung des Buchdrucks bis 1500 entstanden sind, aber typographisch und gestalterisch noch an Handschriften erinnern.

Provenienz: unbekannt, vermutlich seit dem 18. Jahrhundert im Bestand. Signatur: Inc 134.
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Passion Faust – Ein Klassiker als Kult(ur)gut
Doktor Johann Faustus, ein Alchemist, Astrologe und Magier, soll um 1500 im süddeutschen Raum gelebt haben. Sein angeblicher Pakt mit dem Teufel inspiriert seit Jahrhunderten Literatur, Theater, Kunst, Musik und Alltagskultur. Johann Wolfgang von Goethe schrieb sein bekanntestes literarisches Werk über den rastlosen Gelehrten und seinen teuflischen Gegenspieler Mephisto.
Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek besitzt die weltweit größte Faust-Sammlung. Sie vereint 21.000 Objekte und Publikationen von 1500 bis zur Gegenwart – und sie wächst weiter.
In der Weimarer Faust-Sammlung finden sich viele Beispiele dafür, wie Unternehmen den Faust-Stoff zu Werbezwecken genutzt haben. Das Werbeplakat der Tintenfabrik Eduard Beyer aus Chemnitz aus der Zeit um 1900 ist nur ein Beispiel dafür.

Provenienz: unbekannt, erworben ca. 1957. Signatur: F gr 8050 (4).
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Unterhaltungsliteratur um 1800 – Abseits des Kanons
Liebesromane und Gespenstergeschichten waren um 1800 sehr beliebt beim Lesepublikum. Sie galten jedoch als „minderwertige Lektüre“ und fanden deshalb keine Aufnahme in fürstlichen Bibliotheken. Dafür konnten sie in kleineren Leihbüchereien gegen eine geringe Gebühr ausgeliehen werden.
Erst seit dem 20. Jahrhundert änderte sich der Blick auf die einstigen Bestseller. So fanden Ritter und Räubergeschichten doch noch Eingang in die Sammlungen der Weimarer Bibliothek. Allein in den letzten Jahren kamen um die 600 Titel neu in den Bestand, auch die populäre Roman-Trilogie „Rinaldo Rinaldini“ von Christian August Vulpius.
Und das zu Recht! Denn erst durch diese Literatur abseits des Kanons erfahren wir „was die Deutschen lasen, während ihre Klassiker schrieben“, wie es Walter Benjamin im Titel eines Hörspiels von 1932 ausdrückte.
Der Roman „Juliette von Lüneville“ (1802) von Joseph Alois Gleich gehörte ursprünglich zu einer Leihbibliothek. Das verrät das zeitgenössische Exlibris: „Alexander Czéh’s Leihbibliothek in Ungarisch-Altenburg“. Bücher aus Leihbibliotheken erkennt man oft an ihrem schlechten Erhaltungszustand. Häufig sind sie im Wortsinn schiefgelesen, abgegriffen, bestoßen oder sogar gänzlich ramponiert. Fürdie Kunden der Leihbüchereien war der Zustand eines Buches allerdings ein Qualitätsmerkmal: Je zerlesener, desto spannender!

Provenienz: Dirk Sangmeister, erworben 2022. Signatur: 313547 – A.
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Militaria – eine Privatsammlung von Herzog Carl August
Unter der Kuppel des Bücherturms ist seit 1825 die Weimarer Militärbibliothek aufgestellt. Sie wurde von Herzog Carl August als Privatsammlung begründet. Mit 5.400 Büchern zur Kriegsgeschichte sowie mehr als 6.000 Karten, Globen und Festungsmodellen ist sie heute eine der bedeutendsten militärgeschichtlichen Sammlungen.
Das prächtige „Büchsenmeister- und Feuerwerksbuch“ (1556/1566) von Franz Helm gelangte 1630 als Kriegsbeute nach Weimar. Ursprünglich befand sich das Buch über Pulverrezepturen, Ladeweisen und verschiedene Geschütztypen in der Bibliothek des Kurfürsten von Bayern.

Provenienz: Maximilian I. von Bayern, seit 1632 im Bestand. Signatur: Fol 330.
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Erdglobus
Mit der „Entdeckung“ Amerikas wurde das kartographische Bild der Erde neu geordnet. Um 1515 fertigte der Kosmograph Johannes Schöner Erdgloben an, die bereits den Kontinent Amerika darstellten. Eines dieser Exemplare kam auf Veranlassung von Herzog Carl August 1821 in die Militärbibliothek.

Provenienz: Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, seit dem 19. Jahrhundert im Bestand. Signatur: Kt 800 – 1.
Zum ↗ 3D-Modell [Fröbus Kulturerbe Digital].
Nietzsches Bibliothek – Philosophieren mit Büchern
Sie gehört seit April 2025 zum Weltdokumentenerbe der UNESCO: die Privatbibliothek Friedrich Nietzsches. Viele der rund 1.400 Bücher verraten, wie intensiv sich der Philosoph mit ihren Inhalten auseinandergesetzt hat – durch Unterstreichungen, Randbemerkungen, kleine Zeichnungen oder Eselsohren.
Kein anderes Buch hat Nietzsche mit so vielen Notizen versehen wie Ralph Waldo Emersons Essayband „Versuche“ (1858), übersetzt von G. Fabricius. Er schätzte den amerikanischen Philosophen als den „gedankenreichsten Autor“ des 19. Jahrhunderts. Auf Titelblatt und Buchdeckel schrieb er Entwürfe, die auf sein Werk „Also sprach Zarathustra“ vorausweisen, dessen erster Teil 1883 erschien.

Provenienz: Friedrich Nietzsche, seit 1969 im Bestand. Signatur: C 701.
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Im Untergrund – Literatur und Künstlerbücher jenseits der DDR-Kulturpolitik
Nach dem Ende der DDR entstand die Sammlung von Untergrundliteratur. Sie zeugt von bewusster Opposition gegenüber einer von Zensur und ideologischer Gleichschaltung geprägten Kulturpolitik. Die meisten Werke existieren nur in wenigen Exemplaren, vervielfältigt als Abschriften, Schreibmaschinendurchschläge oder Fotokopien.
In den 1980er Jahren wurden Galerien zu Orten des Austausches sowie zu Keimzellen künstlerisch-literarischer Opposition – so auch die 1987 gegründete Weimarer ACC Galerie. In ihrem Umfeld erschien die Künstlerzeitschrift „Reizwolf“. Hier konnten seit 1988 Kulturschaffende publizieren, die aufgrund der Verlags- und Pressezensur keine anderen Veröffentlichungsmöglichkeiten hatten.

Provenienz: Holm Kirsten, erworben 2011. Signatur: ZB 2229 (1).
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Sammlung Aschebücher - Fragmente in neuer Form
Nach dem Bibliotheksbrand am 2. September 2004 wurden rund 25.000 Buchfragmente geborgen. Einband und Bindung waren verbrannt, aber Teile des Buchblocks noch erhalten. Der Begriff „Aschebuch“ entstand und mit ihm eine neue Sammlung, die durch ein eigens entwickeltes Restaurierungsverfahren in der Lehrwerkstatt in Weimar Legefeld wieder lesbar gemacht wird.
Als 2014 Nikolaus Kopernikus epochales Werk „De revolutionibus orbium coelestium, Libri VI“ von 1543 unter den Aschebüchern gefunden wurde, kam dies einer Sensation gleich. Das Buch, mit dem Kopernikus das heliozentrische Weltbild begründet hatte, zählte nicht, wie befürchtet, zu den Brandverlusten. Eine Neuanschaffung wäre kostspielig gewesen: 2008 erzielte der Verkauf einer Erstausgabe von „De revolutionibus“ bei einer New Yorker Auktion einen Erlös von 2,2 Mio. US-Dollar.
Das gerettete Buch kann dank der Behandlung durch das innovative Restaurierungsverfahren wieder gelesen werden.

Provenienz: unbekannt, vermutlich seit dem 19. Jahrhundert im Bestand. Signatur: Scha BS 4 B 00127.
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